Sprungmarken
Dynamische Navigation einblenden
Dynamische Navigation ausblenden
Suche
Suche
Kopfillustration
Bild in voller Höhe anzeigen Bild in halber Höhe anzeigen

Hier schreibt Michael Ebling

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…!“

Es gibt ein Zitat, an das ich in letzter Zeit häufiger denken muss. Es lautet: "Was Logik ist, liegt in der Betrachtung desjenigen, der sie vertritt". Das Zitat wird mehreren Urhebern zugeschrieben.

Einer davon ist Franz Grillparzer, jemand also, der als Dichter seine Tage damit zubrachte, Dinge zu erdichten. Und wie das bei Fiktion so ist, muss sie vor allem ihrer inneren Logik genügen. Problematisch ist es, wenn gesellschaftliche Debatten heute - mehr als hundert Jahre nach Grillparzers Tod - nach demselben Grundsatz geführt werden, wenn jeder und jede die eigene Logik, die eigene Wahrheit und die eigene Definition von Begriffen wie „Werte“ und „Demokratie“ hat. Das ist problematisch, weil unsere Gesellschaft auseinanderbricht, wenn wir uns nicht mehr auf das Grundsätzliche einigen können. Es geht dabei nicht um einzelne Argumente, es geht nicht darum, welcher Weg der „richtige“ ist. Über all das können wir streiten. Es geht aber hier um die Grundfesten unserer Gemeinschaft, über die es keine Diskussion geben darf.

Die vergangenen Wochen kennen viele Beispiele dafür, dass die Debatte, dass die Gesellschaft, dass das Denken aus den Fugen geraten ist. Eines dieser Beispiele ist die Forderung, an der Grenze auf Flüchtlinge zu schießen. Es ist nicht nur die Forderung, die mich erschreckt, sondern dass es offenbar eine wachsende Zahl von Menschen in unserem Land gibt, die hinter solchen Forderungen steht, die zumindest nichts „daran findet“.

Dabei wird doch bei allem Verständnis für Sorgen und Ängste eines ganz deutlich: Wer so etwas verlangt, hat sich längst von den Grundwerten unserer Gesellschaft losgesagt. Wir schießen nicht auf wehrlose Menschen! Ist das nicht der mindeste Konsens der Menschlichkeit? Wie können wir über irgendetwas anderes streiten, den Konsens über die richtigen Lösungen finden, wenn selbst darüber keine Einigkeit besteht?

Es ist ein Beispiel von vielen dafür, wie die Debatte in unserem Land verroht, wie die Gewalt zum Teil des „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“-Diskurses wird, wie sie in die Köpfe einzieht und aus den Köpfen auf die Straße tritt: erst auf Demonstrationen, wo teils schon der Tod demokratisch gewählter Repräsentanten gefordert wird - und dann mit Baseballschläger und Brandbeschleuniger. Es gibt Grund zur Sorge in unserem Land. Grund zur Sorge um unsere Demokratie und die Werte, auf die wir sie gebaut haben.

Am 27. Februar haben wir der Zerstörung von Mainz im zweiten Weltkrieg und ihrer Opfer gedacht. Dieser Tag erinnert uns auch daran, welch großes Glück die Aussöhnung der Völker für uns Deutsche war, nach dem schrecklichen Krieg, den unser Land über die Welt gebracht hat. Und er erinnert uns daran, welch große Geschenke Demokratie und Frieden sind. Vielleicht müssen wir heute noch lauter daran erinnern und vielleicht müssen wir uns wieder neu darauf besinnen, welche Werte für uns unumstößlich sind und was diese Gesellschaft seit 71 Jahren ausmacht.

Streiten wir erst einmal darüber, wofür wir streiten.

Denn ich fürchte, es ist nicht mehr für alle dasselbe.

Ihr Michael Ebling

Diese OB-Kolumne hören:

Videokolumne von Oberbürgermeisters Michael Ebling© OK:TV Mainz

Datenschutzhinweis

Dieses YouTube-Video ist im „erweiterten Datenschutzmodus“ auf mainz.de eingebettet. Erst der aktive Aufruf des Videos (der Klick auf das Video) führt zur Verbindungsaufnahme mit YouTube.