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Hier schreibt Michael Ebling

Karl Kardinal Lehmann

Stellen Sie sich vor, der Papst würde Ihnen sagen, Sie hätten nur einen einzigen Fehler. Die meisten von uns würden sich wohl schnell für diese überaus barmherzige Fehlerprüfung bedanken und sich rückwärts aus der Audienz schleichen.

Ein einziger Fehler - den und weitere zu finden, würde uns bei uns selbst nicht schwerfallen und bei anderen fällt es uns sogar noch leichter.

Aber es gibt einen Mainzer, dem hat nicht nur der Heilige Vater ebendies bescheinigt, dass er also nur einen Fehler habe, sondern bei dem würden auch die meisten Mainzerinnen und Mainzer lange nach Fehlern suchen müssen.

Dieser Mainzer ist Karl Kardinal Lehmann.
Der eine Fehler aber ist ein ganz entscheidender: „Sie sind zu alt“, hat der Papst ihm gesagt. So erzählte Kardinal Lehmann es kürzlich in einem Interview. Eine Aussage, die sicher kein Fall für das Antidiskriminierungsgesetz ist, sondern Ausdruck des Bedauerns.
 
Bedauern darüber, dass Karl Kardinal Lehmann mit Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres den Papst um seine Entpflichtung vom Bischofsamt gebeten hat, die dieser ihm gewährt hat.

Der Bischofsstuhl ist nun sedisvakant und eines ist - ganz unabhängig davon, wer ihm nachfolgt - sicher: Wir werden Karl Kardinal Lehman vermissen, wenn er nun wohlverdient mehr Ruhe hat zum Insichgehen.

Als Bischof von Mainz war er ja stets jemand, der aus sich herausging, der zu den Menschen und auf sie zu ging, einer, der sich einen unbändigen Durst bewahrt hat, die Menschen kennenzulernen und zu verstehen - auch die, mit denen er nicht einer Meinung war.

Den Bischof Karl Kardinal Lehmann zeichnete vor allem diese Offenheit für die Menschen aus.

In einer Zeit, in der so viele, nicht mehr offen sind, in der sich viele gar nicht mehr bemühen, einander zu verstehen, in der die Schranken nicht nur an die Grenzen, sondern auch in manche Köpfe zurückkehren, werden wir diese Eigenschaft wohl mit am meisten vermissen.
Karl Kardinal Lehmann war damit Vorbild, vor allem aber auch immer Anstoßgeber für Debatten: in der Weltkirche, in Deutschland und in Mainz.

Unsere Zeit ist nicht reich an moralischen Instanzen, an Menschen, die mit festen Überzeugungen anderen Orientierung geben, die den einzelnen ebenso im Blick haben wie die Gesellschaft und das, was sie zusammenhält.

Karl Kardinal Lehmann ist so eine moralische Instanz und er war es in mehr als drei Jahrzehnten als Bischof von Mainz und als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz von 1987 bis 2008.

Karl Kardinal Lehmann blickt am Ende seiner Amtszeit auf ein bedeutendes Lebenswerk zurück: für das religiöse, geistige und kulturelle Miteinander und den sozialen Zusammenhalt - in unserer Stadt und in unserem Land.

Wir sind ihm dankbar dafür und wir sind glücklich darüber, dass er, unser hoch verdienter Ehrenbürger, Mainz auch weiterhin eng verbunden bleibt, dass er vom Bischofshaus aus, vis à vis des Doms, also mitten unter uns, Anteil nimmt am Leben der Menschen und am Leben der Stadt.
 
Wir wünschen ihm mehr Muße für die Dinge, die ihm besonders am Herzen liegen, Wohlergehen und Gottes Segen. Und wir wünschen uns, dass er sich auch künftig zu Wort meldet, wenn Offenheit und Solidarität in unserer Gesellschaft einen Fürsprecher brauchen.
Wer wäre dafür besser geeignet als ein Mann, dem selbst der Papst bescheinigt, er habe nur einen Fehler.

Ihr Michael Ebling

Videokolumne von Oberbürgermeister Michael Ebling / Datenschutzhinweis zur Videonutzung siehe www.mainz.de/datenschutz© OK:TV Mainz