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Trauerrede des Oberbürgermeisters anlässlich des Todes von Dr. Anton Maria Keim

Freitag, 16. September 2016
St. Pankratius, Mainz-Hechtsheim

Verehrte Familie Keim,
verehrter Herr Pfarrer Bartmann,
liebe Trauergemeinde,

Dr. Anton Maria - Toni - Keim ist tot.

Er starb am vergangenen Freitag in Mainz. In der Stadt, die ihm Heimat und Lebensaufgabe war und für die er sich ein Vierteljahrhundert lang als Bürgermeister, als Schuldezernent und besonders prägend als Kulturdezernent mit Leib und Seele eingebracht hat.

Toni Keim war ein Kulturliebhaber und ein Kulturfachmann, der stets im Interesse einer vielfältigen kulturpolitischen Landschaft handelte.

Er war ein überzeugter Sozialdemokrat, ein visionärer Denker und mitreißender Redner.

Er war ein brillanter Stilist und akribischer Forscher, ein leidenschaftlicher Lehrer und nimmermüder Brückenbauer.

Und ein ausgemachter Dickkopf mit Schalk in den Augen und verschmitztem Lächeln - das war er natürlich auch!

Dank und Anteilnahme für diesen außergewöhnlichen Menschen vereint uns alle, die wir heute zu Ehren Toni Keims zusammen­gekommen sind.

Viele von uns verlieren mit Toni Keim nicht nur einen Weggefährten oder gar Mentor. Sie verlieren einen Freund.

In Dankbarkeit und Freundschaft nehme auch ich heute Abschied von Toni.

Meine Gedanken sind bei seiner Familie: Seien Sie, liebe Familie Keim, der tiefen Anteilnahme von Rat, Verwaltung und Bürgerschaft der Landeshauptstadt Mainz versichert. Gemeinsam mit Ihnen trauern wir alle um einen großen, vornehmen Menschen, wie es nur wenige gibt.

"Groß" aber nicht allein wegen seiner zahlreichen Verdienste, die er in den fast 25 Jahren seiner Amtszeit für unsere Stadt geleistet hat. Oder wegen der hohen Auszeichnungen, die ihm zuteil wurden - der Ehrenring und die Gutenberg-Plakette der Stadt Mainz, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse oder der Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutsch­land - um nur die wichtigsten zu nennen.

Sondern "groß" im Sinne seiner umfassenden Persönlichkeit, die sich auf kein Amt, keinen Titel, keine Auszeichnung - und sei sie noch so ehrenvoll - reduzieren ließe.

Das Charisma des Anton Maria Keim trat dabei schon früh zu Tage - eigentlich schon 1953: Da reichte ein gerade erst 25-jähriger Geschichtsstudent - des "Schusters Keim sein Toni" - eine Doktorarbeit zum Thema "Judentum und Judenemanzipation im Großherzogtum Hessen des Vormärz" ein. Als erster deutscher Wissenschaftler nach 1945 beschäftigte sich der junge Toni Keim ausgerechnet mit einem Thema, an dem sich weit Ältere nicht die Finger verbrennen wollten.

Alle Achtung, Toni Keim, möchte man ihm auch noch 60 Jahre später zurufen!

Denn in dieser Arbeit werden nicht nur viele seiner späteren Forschungsschwerpunkte und Lebensthemen angerissen - das deutsch-jüdische Verhältnis, die Landes- und Kultur­geschichte speziell unserer Region oder die wechselvolle Mainzer Geschichte.

Hier zeigt sich auch die "Chuzpe" eines Menschen mit Rückgrat - die Löwen-Natur des Toni Keim! Er hat sich jedenfalls nie gescheut, den Finger in die Wunde zu legen - wohl wissend, dass es ohne Aufarbeitung und Wissen auch keine Heilung geben kann.

Dieses Naturell hat sein Studienfreund, der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, ganz richtig erkannt, als er ihn einst den "Löwen von Hechtsheim" nannte.

Und das nicht etwa allein wegen seines Sternzeichens oder seines äußeren Erscheinungsbildes: dem weißen Haarkranz, dem hell­wachen Blick, seiner charismatischen Ausstrahlung. Oder wegen seines messer­scharfen Verstandes, der Brillanz seiner Rede. Sondern wegen seines Löwen-Muts, mit dem er sich von nichts und niemandem beirren ließ.

Noch heute blickt uns die Entschlossenheit des Toni Keim vom Buchcover seiner Autobiographie "Meine Hechtsheimer Jahre" entgegen: ernsthaft und aufrecht schaut hier ein Hechtsheimer Dorfbub in die Kamera.

Einem Löwen ähnelt dieser schmächtige Bub nicht gerade - wäre da nicht dieser fest ent­schlossene Blick!

Auf welches Ziel - so fragt man sich unwillkürlich beim Betrachten des Fotos - mag dieser Blick wohl gerichtet gewesen sein?

Wohl kaum auf das, was wir heute "Karriereplanung" nennen.

"Aufstiegschancen" - das war für ihn, den Bildungsbürger aus Leidenschaft und nicht qua Geburt - einfach nur "Nebbich". Denn auch das war der "Löwe von Hechtsheim": ein sensibler, nachdenklicher Mensch, unglaublich belesen und gebildet und mit einem feinen Gespür für Unrecht und  Ungerechtigkeit. 

Von diesem Gespür ließ er sich sein ganzes Leben lang leiten, nicht nur 1953 bei der Wahl seines Promotionsthemas.

Auch 1970, als Toni Keim im Stadtrat provokant die Frage nach einer Würdigung der Schriftstellerin Anna Seghers stellte - und damit gerade noch rechtzeitig den Weg bereitete für ihre Auszeichnung mit der Mainzer Ehrenbürgerwürde.

Zwei Jahre später wurde Toni Keim mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister, Kultur- und Schuldezernenten der Stadt Mainz gewählt, ein Amt, das er fast ein Vierteljahrhundert lang - bis 1996 - innehatte. Natürlich lag auch in seiner Amtszeit der Hauptfokus auf dem breiten Feld der tradierten Kulturinstitutionen: den Mainzer Museen, den Theatern, allen voran dem Staatstheater, den Bibliotheken, dem Konservatorium.

Aber daneben etablierte sich unter seiner Regie mit unterhaus, KUZ und Frankfurter Hof, mit den Kammerspielen und dem Open Ohr gleichberechtigt eine freie kulturelle und kreative Szene - mit unglaublich positiven Wechselwirkungen.

Und noch viele weitere Initiativen, die mittlerweile zu den Säulen unseres politisch-kulturellen Lebens gehören, stieß er in seiner Amtszeit an: die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die Carl-Zuckmayer- und die Anna-Seghers-Gesellschaft, die Anni-Eisler-Lehmann-Stiftung, den Stadtschreiberpreis.

Ich erinnere auch an sein verdienstvolles Wirken als oberster Denkmalpfleger für den Erhalt des historischen Mainz.

Oder an seine Erfolge als Schuldezernent bei der Ausgestaltung eines vielgestaltigen Schulangebots, von dem unsere Stadt noch heute in hohem Maße profitiert.

Und ich erinnere vor allem an die von ihm konzipierten Ausstellungen zur jüdischen Vergangenheit unserer Stadt, an seine frühen Kontakte zu Israel - lange schon vor den ersten offiziellen Gesprächen -, an seine Wegbereitung für eine Partnerschaft mit Haifa, seine Einladungen in alle Welt an überlebende Mainzer Juden, seine unzähligen Publikationen zum nationalsozialistischen Unrecht, aber auch zum demokratischen Widerstand in unserer Region.

Publikationen, die ihn - den Leo-Baeck-Preisträger - zu einer anerkannten Autorität weit über die Grenzen unserer Stadt und auch in der jüdischen Welt werden ließen.

All diese Initiativen, Kontakte, Projekte und Begegnungen des Toni Keim bilden heute das Fundament dafür, dass jüdische Menschen bei uns wieder zu Hause sind.

Dass die jüdische Gemeinde in Mainz neu erblühen, dass wir am alten Standort eine neue Synagoge einweihen konnten.

Dass wir wieder glaubhaft anknüpfen an unsere reiche SchUM-Vergangenheit.

All das wäre ohne Toni Keims jahrzehntelange akribische Vorarbeit, ohne sein fundiertes historisches Wissen und mehr noch: ohne seine hohe Glaubwürdigkeit und sein internationales Ansehen einfach undenkbar! 

Vielleicht liegt daher auch genau hier - in dieser Breite und Tiefe seines Wirkens - die Antwort auf meine Frage danach, welches Ziel der Schulbub Toni Keim vor Augen hatte, als er so entschlossen in die Kamera blickte.

Ich fabuliere einfach mal: Dieses Ziel war vielleicht seine Vision von einer Kulturstadt Mainz, von einer Kulturstadt, die sich nicht nur räumlich als Ort von Museen, Bühnen oder Galerien versteht. Sondern in der sich eine Gesamtidee abbildet von dem, was Kultur im Kern ist: nämlich unser aller Lebensumfeld!

Dieses Lebensumfeld galt es für ihn im Sinne des lateinischen Wortes colere zu bebauen, zu pflegen und zu kultivieren.

Toni Keim hat diesen universellen Anspruch von Kultur erkannt und gelebt - und dieses Erkennen war vielleicht sein größter Verdienst für unsere Stadt, ein Verdienst für den wir gar keine Auszeichnung kennen.

Er hat der Kultur in unserer Stadt freien Raum zur Entfaltung gegeben.
Er hat dazu beigetragen, dass sie Impulse setzen und empfangen konnte.
Er hat unseren Horizont in alle Himmelsrichtungen erweitert.

Diese Fähigkeit des "über den Tellerrand"-Blickens schreibt man Politikern ja gerne zu. Selten genug stimmt es. Anders bei Toni Keim: Er hat wirklich weit über den Tellerrand geblickt. Er hat nicht nur das Bestehende verwaltet, sondern es erweitert, verfeinert, ausgestaltet.

Dabei wirkt die Schlagkraft seiner Ideen und Anstöße in vielen kulturellen Bereichen bis heute durch. Das zeigt sich auch jetzt wieder, wo wir uns gemeinsam mit vielen prominenten Mit­streitern für das Gutenberg-Museum und die Idee Gutenberg im 21. Jahrhundert engagieren.

Auch hier legte Toni Keim mit der Gründung der ersten Gutenberg Initiative 2000, mit der Einrichtung eines Museumsshops und eines Druckladens, vor allem aber mit dem spektakulären Erwerb der Gutenberg-Bibel den Grundstein für unser heutiges Ansehen als Gutenberg- und Medienstadt.

Liebe Familie Keim, verehrte Trauergemeinde,

Helmut Schmidt hat einmal gesagt - Sie kennen den Satz alle -"Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen". Danach hätte ein Visionär wie Toni Keim viele Ärzte konsultieren müssen … Toni Keim war nie nur Kultur-Verwalter, er war ein Kultur-Architekt mit eigenem Masterplan.

Für seinen Masterplan einer Kultur- und Bildungsstadt Mainz lebte, stritt und kämpfte Toni Keim wie ein Löwe - als Kultur- und Schuldezernent, als Politiker und nicht zuletzt als überzeugter Sozialdemokrat, der er Zeit seines Lebens war.

Er, der nie weg ging, hat uns weiter geführt als jeder Kosmopolit es hätte tun können. Seine Welt war Mainz - aber er zeigte uns, wie riesengroß diese Welt sein konnte!

Das ist sein Vermächtnis und daran sollten wir festhalten, wann immer wir Gefahr laufen, uns im Klein-Klein der Alltagsprobleme zu verlieren.

Es ist das Vermächtnis eines hochgebildeten, vornehmen, tief gläubigen Menschen. Und es ist das Vermächtnis eines explizit politischen Menschen.

Toni Keim verkörperte Politik, wie sie im besten Falle sein sollte: planvoll, vorausschauend, gestaltend, zupackend, menschlich, mutig.

Die Voraussetzungen für eine solche Geistes- und Lebenshaltung erwarb er sich schon in jungen Jahren und noch in seinem Elternhaus - einer politisch aufgeschlossenen, katholisch geprägten kleinen Handwerkerfamilie mit jüdischen Wurzeln.

Hier, in Hechtsheim, erlebte er die Zeit des Nationalsozialismus - behütet zwar von seinen Eltern und doch konfrontiert mit den Schrecken des Krieges, der Verfolgung, der ständigen Bedrohung.

Beide Eltern - so erinnerte sich Toni Keim später - vermittelten ihm früh ZITAT "ein Grundmuster an Werten, weltoffene Katholizität und Frömmigkeit in einer gottlosen Welt, Standhaftigkeit und Prinzipientreue.“

Diese Grundwerte wurden fortan der Nährboden, auf dem sich der junge Toni Keim entwickeln konnte. Sie waren der Maßstab, mit dem er Recht von Unrecht zu unterscheiden lernte. Und sie waren seine Leitlinie, die ihn unbeirrt aller Anfeindungen seinen eigenen Weg gehen ließ. Dieser Weg hieß: politische Mitgestaltung!

Er - der Hechts­heimer Dorfbub und halbe Autodidakt - wollte lernen, sich weiterbilden, sein Wissen mit anderen teilen. Es nutzbar machen.

Er, der Studienrat, wurde zum Lehrer und Lehrmeister im besten Sinne eines christlich-humanistischen Weltbildes.

Und er, der Mainzer Kultur- und Schuldezernent, wurde zum Motor und Mentor des Geistes- und Kulturlebens unserer Stadt. 

Nach der Katastrophe des Holocaust, nach dem Untergang unserer Stadt im Zweiten Weltkrieg, war er es, der seine Heimatstadt Wort für Wort und Stein auf Stein zu neuer kultureller Blüte führte.

Und nicht nur das: Toni Keim hat zugleich den Boden bereitet, auf dem seine Nachfolger - und seine Nachfolgerin - aufbauen und eigene Akzente setzen konnten.

So, wie sich heute alle Mainzer Oberbürgermeister gerne auf Jockel Fuchs berufen, alle Sozialdezernenten auf Karl Delorme, so beruft sich die Kultur noch immer auf den ehemaligen Kulturdezernenten Toni Keim: Wir alle knüpfen immer wieder an die Ideen dieser Vorgänger an.

Aus diesem Grund aber, so denke ich, geht mit Toni Keims Tod auch keine Ära zu Ende, denn dazu reicht sein Wirken einfach viel zu weit über seinen Tod hinaus. 

Wir verneigen uns heute gemeinsam vor einer beeindruckenden Lebensleistung und knüpfen an, wo er aufhören musste. Die Lücke aber, die er hinterlässt, wird bleiben.

Liebe Trauergemeinde,

ich möchte ganz zum Schluss noch einmal Toni Keim selbst zu Wort kommen lassen: So, wie er sich an seine Hechtsheimer Jahre erinnert hat, an die Eltern, an sein Elternhaus, vor allem aber an den Klang der Kirchen­glocke von St. Pankratius, die ZITAT "die Tageszeiten, Freud und Leid, begonnenes und vollendetes Leben begleitete und verkündete, zur Besinnung, zu Jubel und Gebet aufrief".

Heute, lieber Toni, läuten diese Glocken für dich.

Möge Gott mit dir sein.