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Rede anlässlich der Einweihung der Wandtafel „Holztorschule“ aus der Reihe „Historisches Mainz“

Sonntag, 20. November 2016
Holzstraße/ Ecke Rheinstraße am Gebäude der Hochschule Mainz

Sehr geehrte Damen und Herren,

unsere Stadt blickt auf eine 2000-jährige Geschichte zurück.

Diese reiche und wechselvolle Vergangenheit sichtbar zu machen – nicht nur für die Menschen heute, sondern auch für künftige Generationen – ist Ziel der Konzeption „Historisches Mainz“.

Die Reihe „Historisches Mainz“ blickt mittlerweile auf ein gutes Stück Geschichte zurück: Vor mehr als 20 Jahren wur­de sie von der Öffentlichkeitsarbeit der Landeshauptstadt Mainz in Zu­sammenarbeit mit dem Denkmalpfleger Hartmut Fischer, der heute in seinem Ruhestand sogar noch ehrenamtlich mitarbeitet, und dem Grafiker Horst Möbes ins Leben gerufen.

Ziel war es, historische Baudenkmäler, Orte und Plätze mit Hinweistafeln in einheitlicher Art und Weise zu beschildern und diese dadurch wieder stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Die Tafeln – es sind bereits mehr als 200 Stück – befinden sich mittlerweile an vielen Orten in der Innenstadt, aber auch an vielen interessanten Gebäuden in den Mainzer Stadtteilen.

Daran können Sie erkennen: Das „Historische Mainz“ hat sich zu einer regelrechten „Bürgerbewegung“ entwickelt – eine Bürger­bewegung, die sich für die Er­innerungs­kultur in unserer Stadt ein­setzt und damit zugleich auch für den Tourismus­standort Mainz.

Schließlich ist diese Form der Geschichtsinformation nicht nur für die Mainzerinnen und Mainzer interessant. Auch Gäste von außerhalb orientieren sich mehr und mehr an den Hinweistafeln.

Eine rundum gelungene Konzeption also und ein hervorragendes Beispiel für die erfolgreiche Zusammen­arbeit von Stadt­verwaltung, Institutionen, Unternehmen und nicht zuletzt von engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Die Tafel, meine sehr geehrten Damen und Herren, die wir heute der Öffentlichkeit übergeben, erinnert an ein besonders tragisches Ereignis in unserer Stadt vor 71 Jahren: den Einsturz der Holztorschule am 13. November 1945, morgens um kurz nach 10 Uhr.

An diesem Tag – so empfanden es viele Menschen leidvoll -

kam der Krieg noch einmal zurück nach Mainz, und wenn auch nur in seinen verheerenden Spätfolgen.

Die Zeitzeugin Hildegard Hauschildt – damals Schülerin an der Holztorschule – erinnerte sich viele Jahrzehnte später:

„An diesem Morgen spürten wir mitten im Unterricht Erschütterungen. Lautes Poltern, Glas zersplitterte in den Fenstern unseres Saales, und mit Getöse bollerten Eisen­träger in den Schulhof – alles bebte… Eine Wolke von Staub empfing uns, fast stockte der Atem… rechts sahen wir gähnende Leere, die kurz vor unserem Saal Halt machte. Unser Flur, Boden und Decke schienen im leeren Raum zu enden.“

In diesem „leeren Raum“ aber fanden 18 Schülerinnen mit ihrer Lehrerin und dem Schuldirektor den Tod. Wenige Monate nach Kriegsende, als man hoffte, das Schlimmste endlich überstanden zu haben, stürzte die baufällige Holztorschule in sich zusammen und begrub jene Menschen unter sich, die sich gerade in einer der letzten noch genutzten Klassenzimmer befanden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Mainzerinnen und Mainzer,

immer wieder richten wir in unserer Stadt den Blick ganz bewusst zurück in die Vergangenheit.

Wir versuchen, das Geschehene zu verstehen und daraus für die Zukunft zu lernen.

Doch was können wir aus der Katastrophe des 13. November 1945 lernen?

Zumindest eines können wir mit Sicherheit lernen: dass es nie zu spät ist, sich an Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erinnern, die Schweres durchleiden oder sogar ihr Leben lassen mussten.

Und wir können daraus auch lernen, dass gerade die Gedenkkultur  in unserer Stadt nicht einfach „von oben“ entschieden wird, sondern dass es die Bürgerinnen und Bürger selbst sind, die Verantwortung übernehmen und Zeichen des Gedenkens einfordern.

Auch in diesem Fall ist es das große Verdienst engagierter Bürgerinnen und Bürger, uns Nachgeborenen das tragische Ereignis vom 13. November 1945 wieder in Erinnerung zu rufen.

Die Tafel, die wir heute gemeinsam einweihen, gibt daher nicht nur Zeugnis von einem besonders schweren Tag in unserer Mainzer Stadtgeschichte.

Sie ist auch ein bewegendes Beispiel von bestem Bürgersinn.

Für diesen Bürgersinn, für dieses vorbildliche Engagement möchte ich mich im Namen der Landeshauptstadt Mainz bei all jenen Menschen bedanken, die durch ihre großzügige Spende zu dieser Wandtafel beigetragen haben.

Ich danke:

  • dem Förderverein des Stadthistorischen Museums, vertreten durch Dr. Hedwig Brüchert
  • Ralf Beidinger
  • Hildegard Coester als Initiatorin sowie ihrer Familie, die sie dabei tatkräftig unterstützt hat
  • Hans Delle
  • Joachim Fiebig
  • Gerwin und Gisela Fischer
  • Thomas und Fatma Friedrich
  • Klaus Heck
  • Johanna Hertlein
  • Georg und Mathilde Müller
  • Brigitte Müller-Münz
  • Anja Otto
  • Elfriede Pauli
  • Maria, Günther, Jochen und Hubert Schäfer
  • Dagmar Schlinke
  • Stefan Schmitz
  • Eva Schulz
  • Friedrich und Luise Schwamb
  • Kurt Steinmetz
  • Dietmar Theiss
  • Wolfgang Wasner
  • Margot Weber
  • und Ursula Weiss

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Spenderinnen und Spender,

an der Stelle, wo wir heute zusammengekommen sind, stand bis vor 71 Jahren – und einer Woche – die 1891 nach Plänen von Stadtbaumeister Eduard Kreyßig errichtete alte Mainzer Holztor­schule.

Sie gehörte zu jenen vier Volksschulen, die Kreyßig zwischen 1878 und 1891 geplant hatte. In 28 Klassen konnten hier bis zu 1830 Kinder, getrennt nach Knaben und Mädchen, unterrichtet werden.

Im Ersten Weltkrieg diente der Bau zunächst als Lazarett, später dann der französischen Besatzung als Knaben-Lyzeum und in den 1930er Jahren schließlich war sie Staatsbauschule.

Als am 1. Oktober 1945 die Mainzer Schulen wieder ihren Betrieb aufnahmen, war von der Holztorschule nur noch der Flügel an der Lauterenstraße nutzbar. Da auch er einzustürzen drohte, wurden nach und nach fast alle Klassen in die Neutorschule verlegt. Die 7. Mädchenklasse, die am 13. November 1945 in der Holztorschule Unterricht hatte, sollte an eben diesem Tag folgen.

Am Morgen des Unglückstags, wenige Minuten nach 10.00 Uhr, erhielt die Klasse daher Besuch von Rektor Philipp Schröder, um letzte Einzelheiten des Umzugs zu besprechen. Er wurde von zwei Schülern begleitet, die auf dem Flur warteten, als vor ihren Augen plötzlich der Trakt mit dem Klassenraum einstürzte und alles unter sich begrub.

Zehn Mädchen und die beiden Jungen überlebten. 18 Schüle­rinnen, die Lehrerin und der Rektor aber starben. Auf dem Haupt­friedhof erhielten einige der Mädchen ein gemeinsames Ehrengrab mit einem Gedenkstein.

Nun wird dank der Initiative Mainzer Bürgerinnen und Bürger endlich allen Opfer gedacht und das am Ort der Tragödie selbst.

Einer der traurigsten Tage der Mainzer Nachkriegsgeschichte wird damit dem Vergessen entrissen.

Die Opfer von damals, sie leben in unserer Erinnerung weiter – die Schülerinnen:

Johanna Lemster

Antonie Löblein

Gertrud Messinger

Gusti Mozinka

Käthe Müller

Maria Müller

Annemarie Oehlgrien

Luise Piekarski

Maria Roth

Hannelore Schäfer

Helga Schlömer

Eveline Schuster

Lydia Schwamb

Elisabeth Steinbrech

Annemarie Sudrow

Käthe Volkert

Renate Weiss

Rosemarie Werum

ihre Lehrerin Elisabeth Munk

und ihr Rektor Philipp Schröder.

Mögen sie in Frieden ruhen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

mit dieser Tafel wird die Reihe „Historisches Mainz“ erneut um ein – wenn auch zutiefst erschütterndes – Kapitel der Mainzer Stadtgeschichte bereichert.

Ich freue mich, sie nun der Öffentlichkeit übergeben zu dürfen.

Vielen Dank.