Festrede des Oberbürgermeisters zu 75 Jahren Zweckverband Lennebergwald
Sonntag, 30.08.2026
Ort: Grünes Haus
Gäste, ich heiße Sie herzlich willkommen zu diesem schönen Jubiläum.
Es ist mir eine Freude und Ehre, heute die Festrede zu halten – und vorab einige Ehrengäste ganz besonders begrüßen:
Herrn Bürgermeister Stephan Hinz
Frau Forstamtsleiterin Friederike Ahlmeier und Vize-Direktorin Nicole Fischer
die Ideengeberin und Schöpferin des Maskottchens "LENNY", Grafikerin Frau Linda Söhn vom Naturhistorischen Museum – sowie die Forstwirtin Frau Mareike Alicke, die mit der Motorsäge die Holzskulptur "LENNY" geschaffen hat
Herrn Alexander Metz von HolzImPuls, der als Schreiner die Ausstellungsideen des Museums umgesetzt hat und uns als Sponsor unterstützt
Die weiteren Sponsoren: die Stiftung der Budenheimer Volksbank, Apotheker Dr. Christian Becker, N´Eis und die Familie Gille von den Budenheimer Terrassen
Herrn Dr. Wolfgang Licht als Vertreter des interdisziplinären Forschungsprojekts der Uni Mainz von 1987 bis 1990 zum Ökosystem Lennebergwald und anschließenden langjährigen Mitarbeiter am Schutzkonzept für den Lennebergwald
Herrn Hans-Jürgen Dechent als langjährigen Biotopbetreuer für die Kalkflugsande zwischen Mainz und Bingen, zu denen der Lennebergwald gehört
Herrn Markus Allendorf als 2. Vorsitzender des Wander- und Lennebergvereins und zugleich Urenkel des Vereinsgründers Adam Allendorf, der auch der Erbauer des Lennebergturmes war
die Vertreterinnen und Vertreter der Katholischen und Evangelischen Kirche Sigrid Krämer, Andrea Beiner und Stefan Volkmann und ebenso der Feuerwehren
die Vertreterinnen und Vertreter der eng mit dem Lennebergwald verbundenen Naturschutzverbände NABU, BUND, GNOR, Arbeitskreis Umwelt Mombach, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald
die aktiven und ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zweckverbandes, des Forstamts und die im Lennebergwald tätigen Forstunternehmer sowie Ihre Familien, die wir bewusst eingeladen haben , weil sie unsere Mitarbeiter tagtäglich bei ihrer verantwortungsvollen und zum Teil gefährlichen Arbeit im Wald unterstützen bzw. unterstützt haben
die anwesenden Mitglieder der Zweckverbandsversammlung, die ehrenamtlich im Lennebergwald tätigen und interessierten Bürgerinnen und Bürger
die anwesenden Vertreterinnen und Vertreter der Presse.
Herzlich willkommen Ihnen allen, liebe Freundinnen und Freunde des Lennebergwaldes, liebe Gäste!
Wenn man heute durch den Lennebergwald geht, dann sieht man vor allem eines: Bäume.
Auf den zweiten Blick aber sieht man viel viel mehr: Spuren von Kriegen,
Ein Wald mit Geschichte
Dünen, die vor Jahrtausenden vom Wind hierhergetragen wurden, und einen Wald, der immer wieder genutzt, verändert, beschädigt und wieder aufgebaut wurde.
Und manchmal sieht man Dinge, die man gar nicht für Waldgeschichte hält: einen alten Munitionsbunker, einen Bombentrichter – oder das Gebäude, das heute unser wunderbares „Grünes Haus“ ist.
Der Lennebergwald ist ein Wald mit Geschichte.
Heute feiern wir einen ganz besonderen Teil dieser Geschichte: 75 Jahre Zweckverband zur Erhaltung des Lennebergwaldes.
Wir feiern heute die Entscheidung, dass dieser Wald bleiben sollte. Und das war nicht selbstverständlich.
Lassen Sie uns für einen Moment in das Jahr 1951 zurückgehen:
Mainz ist noch schwer gezeichnet vom Krieg. Wohnraum ist knapp. Die Not ist groß. Und gleichzeitig steht dieser Wald zum Verkauf.
Die Entscheidung 1951
Die Familie Waldthausen möchte die Flächen veräußern. Damit steht eine Frage im Raum, die uns heute selbstverständlich erscheint, damals aber alles andere als selbstverständlich war:
Was ist dieser Wald wert – und wofür soll er erhalten bleiben?
Am 1. April 1951 gründeten die Stadt Mainz und die damaligen Landkreise Mainz und Bingen den Zweckverband und kauften die gefährdeten Waldflächen. Rund ein Drittel des gesamten Waldes wurde damit gesichert.
500.000 Mark wurden dafür aufgebracht.
Und auch das ist eine bemerkenswerte Geschichte: Der Zweckverband hatte das Geld damals selbst gar nicht. Ein holzverarbeitender Betrieb aus Bingen musste es vorschießen. Zurückgezahlt wurde später mit Holzlieferungen aus dem Lennebergwald.
Walderhaltung war damals keine Selbstverständlichkeit. Sie war eine bewusste Entscheidung.
Die Menschen, die diese Entscheidung getroffen haben, konnten nicht wissen, wie der Wald 75 Jahre später aussehen würde. Aber sie wussten eines: Wenn dieser Wald einmal verschwunden ist, dann kommt er nicht einfach zurück.
Und deshalb ist die Gründung des Zweckverbandes bis heute ein Glücksfall für Mainz, für die Region – und für alle Menschen, die diesen Wald lieben.
Die Geschichte des Lennebergwaldes beginnt natürlich nicht erst 1951.
Sie reicht Jahrtausende zurück. Menschen hinterließen schon vor etwa 15.000 Jahren erste Spuren.
Der Wald hat vieles erlebt. Römer waren hier. Franken waren hier. Karl der Große jagte in der Region. Köhler machten Holzkohle. Schafe und Ziegen weideten im Wald. Soldaten marschierten hindurch. Und heute kommen Menschen zum Spazierengehen, Wandern oder Joggen – aus allen Altersgruppen.
15.000 Jahre Geschichte
Der Wald hat sich immer wieder verändert. Aber bei allen Veränderungen gibt es etwas, das bleibt:
Wir sind auf diesen Wald angewiesen – und wir tragen Verantwortung für ihn.
Diese Verantwortung wurde in den vergangenen 75 Jahren immer wieder auf die Probe gestellt.
In den ersten Jahrzehnten ging es vor allem darum, den durch Krieg und Holzeinschläge geschädigten Wald wieder aufzubauen.
In den 1970er Jahren kam die Naherholung hinzu – mit Spielplätzen, Schutzhütten, Bänken, Waldlehrpfad und Trimm-dich-Pfad.
In den 1980er Jahren rückten Waldsterben und Umweltbelastungen in den Mittelpunkt. Stickstoffeinträge und saurer Regen setzten dem Wald zu, hinzu kamen Waldbrand, Borkenkäfer und weitere Schäden.
Forschung und Naturschutz gewannen an Bedeutung.
75 Jahre Aufgabe und Verantwortung
1996 wurde der gesamte Lennebergwald Naturschutzgebiet, später kamen FFH- und Vogelschutzstatus hinzu.
Wenn man diese 75 Jahre betrachtet, erkennt man eine Entwicklung:
− 1951 ging es darum, den Wald zu bewahren.
− Dann ging es darum, ihn wieder aufzubauen.
− Später ging es immer stärker darum, ihn zu verstehen und zu schützen.
− Und heute geht es darum, ihn fit für eine sich verändernde Zukunft zu machen.
Rund eine Million Menschen besuchen den Wald jedes Jahr. Damit gehört er zu den meistbesuchten Wäldern Deutschlands.
Hier wird spaziert. Hier wird gejoggt. Hier spielen Kinder. Hier lernen Schulklassen. Und für viele Menschen in Mainz und der Region ist der Lennebergwald Heimat.
Wald für 1. Mio. Menschen
Denn ein Wald mit einer Million Besucherinnen und Besuchern kann nicht einfach nur sich selbst überlassen werden.
Er muss geschützt werden, zugänglich bleiben und Lebensraum für seltene Arten sein.
Die Erhaltung und der Wiederaufbau der Waldbestände müssen mit Naturschutz und Naherholung in Einklang gebracht werden.
Balance. Das ist vielleicht eines der wichtigsten Wörter für die Zukunft des Lennebergwaldes.
Diese Balance wird heute durch eine neue große Herausforderung auf die Probe gestellt: den Klimawandel.
Die Waldbrände der vergangenen Wochen haben uns noch einmal deutlich gemacht, was wir bereits in den Jahren 2018 bis 2020 beobachtet haben: Extreme Trockenheit. Hitze. Stürme.
Klimawandel
Schneebruch. Borkenkäfer. Höchste Waldbrandgefahr.
Und deshalb müssen auch wir – der Zweckverband, der sich seit 1998 aus der Stadt Mainz und der Gemeinde Budenheim zusammensetzt - heute Entscheidungen für die Zukunft treffen.
Es geht darum, den Wald widerstandsfähiger gegen Hitze und Trockenheit zu machen, den Anteil vielfältiger Laubwälder zu stärken und gleichzeitig seine besondere Natur zu bewahren.
Deshalb wird im Lennebergwald heute auch intensiv geforscht.
Auf Dauerbeobachtungsflächen wird gemeinsam mit wissenschaftlichen Einrichtungen untersucht, welche heimischen Baumarten mit wärmeren und trockeneren Bedingungen zurechtkommen.
Die Erfahrungen aus unserem Wald können später auch anderen Wäldern helfen.
Das ist eine besondere Rolle für einen Wald vor den Toren von Mainz.
Aber Wissen allein reicht nicht. Menschen müssen verstehen, warum dieser Wald so besonders ist.
Und deswegen bin ich sehr froh, dass wir heute im Grünen Haus den neuen Ausstellungsraum eröffnet können. Ich bin dem Naturhistorischen Museum sehr dankbar für die Kooperation und Unterstützung.
Rund 120 Veranstaltungen finden jedes Jahr im Lennebergwald statt. Schulen, Kitas und Familien erleben hier den Wald.
Das ist mehr als Information. Das ist Begeisterung für Natur. Und Begeisterung ist häufig der erste Schritt zu Verantwortung.
Wenn wir heute 75 Jahre Zweckverband feiern, dann feiern wir deshalb nicht nur eine Institution.
Wir feiern Menschen. Menschen, die Entscheidungen getroffen haben. Menschen, die draußen im Wald gearbeitet haben, Menschen, die geforscht, geplant und erklärt haben.
Wald als Lernort
Dank an viele Menschen, die Wege instand halten, Bäume pflanzen, Flächen kontrollieren, Veranstaltungen organisieren und Besucherinnen und Besucher informieren.
Viele von Ihnen sind heute hier. Ihnen allen gilt unser Dank.
Denn ein Wald wächst langsam. Aber Waldschutz braucht Menschen, die jeden Tag daran arbeiten.
Die Gründer des Zweckverbandes haben 1951 eine Entscheidung für die Zukunft getroffen.
Heute stehen wir wieder vor einer solchen Entscheidung. Damals ging es darum, diesen Wald vor einer anderen Nutzung zu bewahren. Heute geht es darum, ihn durch eine Zeit zu bringen, in der sich Klima und Umweltbedingungen verändern.
Die Herausforderung ist eine andere. Die Verantwortung ist dieselbe.
Gemeinsam weiter
Und diese Verantwortung können wir nur gemeinsam tragen.
Gemeinsam mit den Menschen, die hier leben. Gemeinsam mit den Menschen, die hier arbeiten. Gemeinsam mit Wissenschaft, Forstwirtschaft und Naturschutz. Und gemeinsam mit allen, die diesen Wald einfach lieben.
Vielleicht erinnern sich manche von Ihnen noch an Luigi, den Wolf, der 2020 auf der A60 ums Leben kam und heute im Naturhistorischen Museum zu sehen ist. Seine Geschichte ist auf besondere Weise mit unserer Gegenwart verbunden: Nach rund 200 Jahren tauchte wieder ein Wolf in unserer Region auf. Dieser Wolf erinnert uns daran, dass Natur sich verändert; dass Arten gehen und wieder kommen. Dass Grenzen nicht so fest sind, wie wir Menschen sie auf der Landkarte ziehen.
Wir wissen nicht, welche Tiere in 25, 50 oder 75 Jahren durch den Lennebergwald streifen werden. Aber wir können heute entscheiden, welchen Wald wir ihnen hinterlassen.
Das ist unsere Aufgabe. Und es ist unsere gemeinsame Verantwortung.
Der Wolf Luigi und Abschluss
Und deshalb wünsche ich dem Zweckverband zur Erhaltung des Lennebergwaldes zu seinem 75-jährigen Jubiläum weiterhin den Mut zu guten Entscheidungen.
Damit viele Menschen auch in Zukunft sagen können: Dieser Wald ist ein Geschenk.
Herzlichen Glückwunsch zum 75-jährigen Jubiläum!